Konstanzer Kunstpreis 2022

Handarbeit
Andrea Vogel, Konstanzer Kunstpreis 2022

Preisverleihung 9. Oktober 2022
um 11 Uhr im Wolkenstein-Saal

Biedermeier, Fotografie 2012, Andrea Vogel

Die St. Galler Künstlerin Andrea Vogel erhält den diesjährigen Konstanzer Kunstpreis.

Festakt zur Verleihung und Vernissage: So 09.10.2022, 11 Uhr im Wolkensteinsaal Kulturzentrum am Münster
Begrüßung und Preisverleihung:
Dr. Andreas Osner, Kulturbürgermeister
Michael Günther, 1. Vorsitzender Kunstverein Konstanz
Laudatio: Corinne Schatz, Kunsthistorikerin MA UZH, St. Gallen

Eröffnung der Ausstellung im Kunstverein Konstanz

BEGLEITPROGRAMM

Do 03.11.2022, 19 Uhr
Der Pfahlbau-Archäologe Urs Leuzinger (Frauenfeld) und Andrea Vogel zetteln ein Gespräch an und spannen die Fäden zum Anfang aller Textilindustrie. 

Do 10.11.2022, 19 Uhr
Kammerkonzert im Kunstverein: Circolo-Quartett "Intime Briefe"  
In Kooperation mit der Südwestdeutschen Philharmonie

So 20.11.2022, 11.30 Uhr
Rundgang durch die Ausstellung mit Corinne Schatz und Andrea Vogel

So, 04.12.2022, 17 Uhr
Finissage „Vierhänder“ mit Andrea Vogel & Simon Ho (www.simonho.ch) am E-Piano


Wie kann es sein, dass eine zeitgenössische Künstlerin, die demnächst den von einer internationalen Jury an sie vergebenen Konstanzer Kunstpreis 2022 erhalten wird, ihrer zugehörigen Ausstellung im Herbst 2022 den Titel „Handarbeit“ gibt? Kein so häufig verwendeter Anglizismus, keine Formulierung aus dem aktuellen künstlerischen Diskurs, schlicht „Handarbeit“. Ja, es kann sein, und es ist eine ganz bewusste Setzung Andrea Vogels. Handarbeit steht bei ihr einerseits für das Herstellen von Arbeiten mit den eigenen Händen, zum anderen für das Transformieren von gehandarbeiteten Materialien sowie für das tatsächliche „Hand anlegen“, z.B. in ihrem Projekt „Sculpture Massage“, in dem sie mit bestehenden Skulpturen performt. Ihr bildhauerischer Umgang mit Textilien und das Performative sind zwei entscheidende Grundlagen in Andrea Vogels Schaffen. Absurdität und Humor, aber auch Poesie finden sich in ihren Arbeiten. Textilien, insbesondere auch tatsächlich in Handarbeit entstandene textile Erzeugnisse, faszinieren die Künstlerin seit langem und inspirieren sie dazu, ihre besonderen physischen und optischen Eigenschaften zu erforschen und deren Grenzen zu überschreiten, indem sie mit unterschiedlichen Techniken darauf einwirkt. So zeigt ihre raumgreifende Installation im großen Saal des Kunstvereins Konstanz ursprünglich zarte, kleinteilige, mit Liebe – dies spüren zu lassen ist Andrea Vogel wichtig - gehäkelte, gestrickte, geklöppelte Handarbeiten anonymer Personen, welche unter ihrer Einwirkung zu einem skulpturalen Werk werden, dunkel, energiegeladen und voller Spannung. Dabei transformiert sie Materialität, erzeugt fragile Stabilität, Reißfestes wird zerbrechlich, Romantik wird streng.

„Handarbeit“ ist auch der Titel einer Serie von Übermalungen in der Ausstellung des Kunstvereins. Vogel bearbeitet Gobelinstickereien, deren Vorlagen häufig bekannte Werke der Kunstgeschichte sind. Ihre Übermalungen nimmt sie in der klassischen Technik der Ölmalerei vor, es entstehen - hier in einer doppelten Transformation - eigenständige malerische Arbeiten. In den häufig dunklen, oft großformatigen Werken bleiben ausschließlich die Hände, die Arme in hellem Inkarnat sichtbar. Entstanden sind die ersten dieser Arbeiten während des Lockdowns, zu einer Zeit, als ein Rückzug auf die eigenen vier Wände unvermeidlich war und sogar wieder gehandarbeitet wurde. Auch die allgegenwärtige Notwendigkeit, Hände zu waschen und zu desinfizieren fließt in die Malereien mit ein.  

In einer Videoarbeit, ebenfalls mit dem Titel „Handarbeit“, entfernen Andrea Vogels Hände aus einem Turm von Handarbeiten ein Stück nach dem anderen. Hier spielt die Künstlerin mit Gegensätzen, tauscht Fülle gegen Leere. In der Video-Performance „Eingespannt“ schreitet die Künstlerin, untermalt von eindrücklicher Toncollage, als Model in einem eleganten blauen Kleid mit roten Stilettos durch einen schmalen Gang auf uns zu, sie wendet sich und erst beim Zurückschreiten nehmen wir wahr, dass ihre Bewegung durch einen Stickrahmen, den sie sich um den Körper gegürtet hat, behindert wird. Ein Bild für die Spannung zwischen Stolz, Unfreiheit und Schmerz.

Andrea Vogel, geboren in Oberdiessbach im Kanton Bern, besuchte nach einer Ausbildung zur Textildesignerin die Textilklasse der Schule für Gestaltung und Kunst in Luzern, die sie 1999 abschloss. 2015 wurde sie durch den Förderpreis der Stadt St. Gallen ausgezeichnet, 2005 gewann sie den eidgenössischen Förderpreis für Design. Ihre Werke sind seit 2005 regelmäßig in diversen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen und u.a. in den Kunstsammlungen der Stadt Baden, des Kantonsspitals Aarau und des Kantons St. Gallen vertreten. Andrea Vogel lebt und arbeitet in St. Gallen und Oberdiessbach.

Der alle zwei Jahre vom Kunstverein Konstanz e.V. und der Stadt Konstanz vergebene Kunstpreis ist mit 8.000 Euro dotiert und geht mit einer Ausstellung im Kunstverein Konstanz einher. Seit 1979 wird er an Künstlerinnen und Künstler verliehen, die im deutschsprachigen Bodenseeraum geboren oder beheimatet sind, hier längere Zeit künstlerisch tätig waren oder der Bodenseelandschaft in ihrem Werk eine bevorzugte Stellung einräumen. Die Jury setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern diverser Kulturinstitutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Öffentliche Führungen
So 16.10. 11.30 Uhr, Do 27.10. 16.30 Uhr, So 13.11. 11.30 Uhr, Do 24.11 16.30 Uhr
weitere auf Anfrage

 

Fotos: Andrea Vogel

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